Rezension - Ein Jahr voller Wunder - Karen Thompson Walker

13.05.2015 12:51

Rezension – Ein Jahr voller Wunder - Karen Thompson Walker

 

Kurzbeschreibung

Der internationale Bestsellererfolg!
Julia sitzt mit ihren Eltern Joel und Helen gerade am Frühstückstisch, als die Neuigkeit über sie hereinbricht: Die Erde dreht sich plötzlich langsamer. Tage und Nächte werden länger. Jegliche Orientierung geht verloren. Auf einmal ist alles anders. Denn auf einmal könnte jede Entscheidung die letzte sein. Als Julias Vater mit dem Gedanken spielt, seine Frau für Julias Klavierlehrerin zu verlassen, die sich nicht von der allgemeinen Panik anstecken lässt. Und Julias Mutter gegen ihre Depressionen ankämpft. Und als Julia sich zum ersten Mal verliebt ...

Erscheinungsdatum der deutschen Taschenbuchausgabe: 14. April 2015

Erscheinungsjahr (USA): 2012 (The Age of Miracles)

Seitenzahl der Printausgabe: 320 Seiten

Übersetzt von: Astrid Finke

Verlag: btb Verlag

Hier geht’s zum Buch: http://www.amazon.de/dp/344274556X / http://www.theageofmiraclesbook.com/

Das Buch steht zur Diskussion verfilmt zu werden. Danke an den Verlag für ein Rezensionsexemplar und webfähiges Cover.

 

Angaben zum Autor:

Karen Thompson Walker, Anfang dreißig, geboren und aufgewachsen in San Diego, Kalifornien, hat an der UCLA und an der Columbia University studiert. Sie schrieb "Ein Jahr voller Wunder" in den Morgenstunden, bevor sie ihrer Arbeit als Lektorin in einem Verlag nachging. Der Roman erregte großes Aufsehen, wurde zum New-York-Times-Bestseller und erscheint in 26 Ländern. Karen Thompson Walker lebt mit ihrem Ehemann in Brooklyn, New York.

 

Rezension – „Es liegt eine gewisse Kühnheit in der Tatenlosigkeit“, aber „die Kunst blüht in Zeiten der Ungewissheit“

In ‚Ein Jahr voller Wunder‘ geht es u. a. hauptsächlich um die 11 –jährige Julia und ihre Familie, die sich im heißen Kalifornien lebend mit einer gravierenden Verschiebung der Naturgesetze auseinandersetzen müssen. Natürlich handelt es sich dabei um ein weltweites Phänomen, aber als Leser wird einem maßgeblich Julias Sicht der Geschehnisse vor Augen geführt. Man erfährt durch Julias Blick – die zugleich nicht nur Zeuge der Veränderung der Welt, sondern später auch mit 23 Jahren Erzähler dieser Geschichte ist – wie von einem auf den anderen Tag die Welt aus ihren Angeln gehoben wird. Plötzlich hat ein Tag nicht mehr 24 Stunden, sondern mehr, Tendenz bis weit über die 70 Stunden im Verlauf der Geschichte steigend. Unendliche lange Lichttage mit sengender Hitze wechseln sich mit nimmer endender, eisiger Nacht ab.

„Die echten Katastrophen sind immer anders – ungeahnt, unvorhergesehen, unbekannt.“

Die Natur und das Wetter geraten aus dem Gleichgewicht. Mit dieser zeitlichen Verschiebung, die daher rührt, dass sich die Erde zunehmend langsamer dreht und in ihrer Rotation gestört ist, gehen auch schwerwiegende Veränderungen in der Flora und Fauna einher. Vögel fallen vom Himmel und sterben, da die Anziehung der Erde zunimmt, Wale stranden, da sich die Gezeiten in einem Chaos befinden und Nutzpflanzen sowie Nahrungsmittel, Leben aller Art beginnt zu versiegen. Aller Art bis auf den Menschen.

  • Oder?

Julia ist selbst noch ein Kind als die ‚Verlangsamung‘ der Welt einsetzt und kann deren Folgen noch nicht wirklich erfassen. Sie entwickelt sich noch. Ist an der Schwelle des Heranwachsens und des Eintritts ins Teenager-Alter. Es gibt so viele andere Dinge, die ihr Leben gerade erfüllen und sich nicht nur auf die Veränderung der Welt beziehen. Denn ihre Welt ist doch sowieso gerade im Umbruch.

„Es war ein rauer Übergang, der von Kindheit ins nächste Leben. Und genau wie bei jeder anderen beschwerlichen Reise überlebte nicht alles.“

Die Freundschaft zu ihrer engsten Vertrauten geht in die Brüche, an einem Tag ist sie das Gespött der ganzen Schule, an einem anderen wiederum niemand der auffallen würde. Und dann wäre da noch Seth Moreno – ein Junge, den sie nur zu gern ansprechen und näher kennenlernen würde. Und wie durch ein Wunder, oder vielleicht liegt es an der ‚Verlangsamung‘ geschieht genau das. Die beiden freunden sich an und verbringen nach einigen Startschwierigkeiten, Missverständnissen und familiären Schicksalsschlägen (Betrug und Tod) stetig mehr Zeit zusammen. Eine Zeit in der sie heranwachsen, die erste Liebe entdecken und versuchen Theorien, Verknüpfungen, Verbindungen zwischen all den Ereignissen aufzustellen, die seit der Veränderung der Erdrotation in Kraft getreten sind. Sie finden sich in einem Wirrwarr aus Tumult und Ordnung, zwischen Echtzeit und der empfohlenen – doch alles verschiebenden – 24-Stunden-Uhrenzeit wieder. Einer Zeit, in der die Menschen nicht wissen, was sie tun sollen und Experten sich mit Fanatikern abwechseln mit den irrsinnigsten Vorschlägen, die (Um-)Welt zu retten, die der Mensch zerstört hat. Gewissermaßen haben alle einfach nur eine unbestimmte Angst, denn sie wissen nicht, was da kommen mag. Nur, dass sich alles Gewesene ändert oder endet. Eben genau diese Zeit, dieses Abenteuer, dieses Wunder und Wunder sind nicht immer für uns Menschen positiv, erleben wir mit Julia und Seth innerhalb eines Jahres. Physik, Mathematik, Naturgesetze – Jahrhunderte lang etabliert, sind binnen weniger Tage nicht mehr gültig. Und doch gibt es da diese zwei Kinder, die einen Zusammenhang zwischen all dem sehen, was seit der ‚Verlangsamung‘ der Welt geschehen ist. Sie hat Auswirkung auf alles – auch den Menschen. Dies äußert sich nur bedingt im Verfall oder körperlicher Krankheit – bald nur noch das Syndrom genannt -, sondern auch in sich verändernden Wesenszügen vertrauter Personen. Niemand weiß, was passieren wird, doch alle fragen sich:

  • Wird die Welt, wie wir sie kennen, aufhören zu existieren?
  • Kann der Mensch sich anpassen und in Extremen überleben oder gibt er auf?
  • Findet die Wissenschaft eine Lösung oder endet es einfach an einem Tag X, der sehr nahe zu sein scheint?
  • Was passiert mit der kleinen Julia und ihrer ersten Liebe, wenn sie erwachsen wird?
  • Finden Familien, die durch die Veränderung der Welt auseinandergerissen wurden, wieder zusammen?
  • Oder ist es dafür schon zu spät und die Erde reinigt sich einfach selbst?

Vorboten gab es, doch der Mensch ist oft für das Offensichtliche, das er einfach nicht wahrhaben will, blind.

„Liebe verschleißt, und Menschen versagen, Zeit vergeht, Epochen enden. […] Aber wahrscheinlich nimmt jede vergangene Epoche einen Hauch von Mythos an.“

Umwelt passt nicht immer in das gewünschte Weltgeschehen und wird sich zurecht gebogen, wie es gerade nützt. Das dies nur bis zu einem gewissen Grad geht und Folgen nach sich ziehen wird, ist nur ein weiterer wichtiger Bestandteil der Geschichte. Wir wissen als Leser nicht, wohin diese Geschichte geht, denn sie endet quasi im Nichts und genau das macht sie so unglaublich spannend. Spannend auf eine ungewöhnliche Art, die mich Euch dieses Buch ans Herz legen lässt. Lest es selbst. Es wird spalten. Entweder werdet ihr es lieben und nicht aufgebend von einem Gedanken zum nächsten hüpfen, oder ihr werdet den Zugang nicht so recht finden. Aber auch dann nehmt ihr aus dieser Geschichte mit, was sie Euch sagen will: Der Mensch fürchtet die Vergänglichkeit, doch ist sie überall. Man kann damit leben und das Leben lebenswert verbringen oder ewig versuchen, ihr zu entfliehen! Am Ende bleibt nur immer die Frage:

  • Warum / warum wir?

Die Antwort ist simpel: Weil wir da waren!

Mit ‚Ein Jahr voller Wunder‘ hat Karen einen Endzeitroman der anderen Art geschaffen. Er strotzt nicht vor Action und rasanten Gefühlsausbrüchen der Protagonisten. Es gibt keinen Helden. Aber auch keinen Antihelden. Es wird einfach bittersüß und dennoch wahr erzählt, wie sich das Ende unserer Welt, wie wir sie kennen, vollziehen könnte, ohne am Ende wirklich aufzulösen, was geschieht. Das (Erzähl-)Tempo ist schnell und langsam zugleich – eben genau wie die Veränderung der Welt. Für jene die Hinschauen ist es offensichtlich, für andere eine Überraschung. Es ist ein Roman über das Verlieren der eigenen Orientierung und der Erkenntnis und Suche nach etwas Neuem, etwas anderem als die Gravitation, die einen anzieht. Es ist ein Roman über das Vergessen und Vergessen-werden und den Kampf um die Erinnerung der Menschheit. Die Sprache ist dem Thema angemessen und leicht verständlich gehalten. Es finden sich prägnante kurze Sätze im Wechsel mit langen, detaillierten Beschreibungen. Genau so, dass man glaubt, dabei gewesen zu sein und die Geschichte – wie es damals war – nach Jahren selbst wieder zu erzählen. Die Protagonisten sind greifbar gestaltet, wenn auch gerade Julia durch ihre Sicht der Dinge, ihr Verhalten und ihre Person weit aus reifer als 11 Jahre wirkt und mich ihr tatsächliches Alter sehr überraschte. Ihre Sprache ist relativ neutral, wenig durch Emotionen geschwängert und doch an den entscheidenden Stellen voller Gefühl. Sie weist rückblickendenden Charakter auf und wirkt durch Vergangenheit leicht verklärt. Auch wenn die Geschichte an sich etwas langatmig und wenig spannungsgeladen wirkt, habe ich die Story in einem Rutsch verschlungen. Sie hat mich einfach auf einer tieferen, gedanklicheren Ebene gepackt.

Auf das Buch aufmerksam geworden bin ich seinerzeit durch das einfach wunderschöne Cover mit seiner bläulich-grünen Färbung und dem unter die Haut gehenden Titel. Zugegeben, anhand dieser Dinge habe ich eine völlig andere Geschichte erwartet, dies wurde auch unterstützt durch den kurzen Klappentext. Dass der Roman aber dann eine solche Richtung, wie beschrieben einschlagen würde, hat mich vollends überrascht. Fast so sehr, wie die Charaktere in der Geschichte selbst überrascht wurden. Ich muss sagen, trotz anderer Erwartungen passt Cover und Titel hervorragend, denn sie schüren Hoffnung darin, nicht aufzugeben, komme was da wolle. Es sind eben die kleinen, sich noch entwickelnden, Dinge, die oft die größten Veränderungen mit sich ziehen. Sei es ein treffendes Zitat zu Buchbeginn oder der versteckte Umschlag im Bucheinband, der darauf hindeutet, dass eine Botschaft gefunden werden kann (nicht vergessen wird): ‚Wir waren da.‘

Eine bittersüße Geschichte, die ich sehr gerne gelesen habe und mich erfüllt zurück lässt trotz der vielen ungeklärten Fragen.

Eure Jil Aimée