Rezension – Elias & Laia: Die Herrschaft der Masken – Sabaa Tahir

16.05.2015 16:25

Rezension – Elias & Laia: Die Herrschaft der Masken – Sabaa Tahir

 

Kurzbeschreibung

Wie überlebt man in einer Welt, in der Männer mit silbernen Masken jeden Tag den Tod bringen können? Wie kann man sich selbst treu bleiben, wenn die Herrschenden des Imperiums alles dafür tun, voller Grausamkeit ein ganzes Volk zu unterjochen? Elias und Laia stehen auf unterschiedlichen Seiten. Und doch sind ihre Wege schicksalhaft miteinander verknüpft. Während Elias in der berühmten Militärakademie von Schwarzkliff dazu ausgebildet wird, als Elite-Krieger die silberne Maske der Macht voller Stolz und ohne Erbarmen zu tragen, muss Laia täglich die Willkür der Herrschenden fürchten. Als ihre Familie ermordet wird und ihrem Bruder die Hinrichtung droht, schließt sie sich dem Widerstand an. Als Sklavin getarnt, dringt sie in das Innerste von Schwarzkliff vor. Dort trifft sie auf Elias, den jungen Krieger, der eigentlich ihr Feind sein müsste ... Eine mitreißende Geschichte, in der es buchstäblich um Leben und Tod geht.

Erscheinungsdatum der deutschen Erstausgabe: 15. Mai 2015

Erscheinungsdatum (USA): 28. April 2015 (An Ember in the Ashes)

Seitenzahl der Printausgabe: 513 Seiten

Übersetzt von: Barbara Imgrund

Verlag: Bastei Entertainment

Hier geht’s zum Buch: http://www.amazon.de/dp/B00QKO375A / Sabaa Tahir / Barbara Imgrund

Danke für das Zusenden eines webfähigen Covers.

Angaben zum Autor (gemäß Bucheinband)

Sabaa Tahir arbeitete nach dem Studium bei der Washington Post. Ein Bericht über Frauen im Kaschmir, deren Männer von lokalen Militärs entführt worden waren, inspirierte sie dazu, ihren ersten Roman zu schreiben. Ihr Buch handelt davon, was wir für Menschen tun, die wir lieben; vom Wesen des Muts und dem Preis für unser Handeln. Vor allem aber wollte die Autorin von der Hoffnung erzählen. Sie wollte Figuren erschaffen, die auch in einer gewalttätigen Welt Hoffnung finden, nach Freiheit suchen und sich für die Liebe entscheiden. Egal gegen welche Widerstände.

 

Rezension – Über die Bande, die deine Welt und Freiheit knüpfen

In ‚Elias & Laia: Die Herrschaft der Masken‘ geht es um das Leben zweier junger Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und deren Zukunft doch miteinander untrennbar verwoben ist.

Da gäbe es zunächst Elias, den Bastard der Kommandantin, herangewachsen im Terrorregime der Martialen und ausgebildet zu einer todbringenden Maske. Sein Lebenszweck ist es mit Leib und Seele dem Imperator zu dienen und bei der Unterjochung des niedergedrückten Volks der Kundigen zu helfen. Sein Werkzeug dabei sind Gefühlskälte, Mord und Terror. Familiäre Bande sind ihm fremd oder längst in Vergessenheit geraten. Seine eigene Mutter wollte ihn nie, setzte ihn als Neugeborenes in der Wüste aus mit der Hoffnung, er würde sterben und sie von ihrer Schwäche befreien. Zu seinem Glück fiel er dort in die Hände einer liebevollen Stammesmutter und Geschichtenspinnerin, die ihm zumindest die ersten Jahre seines Lebens als ein glückliches Kind schenkte. Doch eines Tage wurde er durch die geheimen Hintermänner des Imperiums wieder in die Fänge von Brutalität und Gewalt geführt: In die Militärschule der Masken in Schwarzkliff. Dort ist jeder seiner Tage düster und von Schmerz und Pein geplagt. Ohne jegliches Gefühl von Sicherheit.

„[…]Sicherheit ist eine Illusion, von der ich weiß, dass man ihr nie trauen darf.“

Hätte er nicht unter einigen wenigen Mitleidenden so etwas wie Freunde gefunden, er hätte nicht überlebt. Denn es zählt nur ein Motto: ‚Stets siegreich‘ - sei stark oder stirb! So ist es kein Wunder, dass er – der er doch aus seinen Kindheitstagen einen Traum von Freiheit kennt - genug vom Morden und tatenlosen Hinsehen der ewigen Verdammnis hat und kurz nach seinem Abschluss fahnenflüchtig werden will. Er versucht alles, um seine Flucht in die Freiheit mit Erfolg zu krönen. Auch wenn dies mit Verrat an seinen Freunden einhergeht. Nur kommt es bei seinem Vorhaben zu einer entscheidenden Wendung, die ihn ans Imperium binden wird: 4 Prüfungen, denen er sich mit 3 Mitstreitern stellen muss, um des Imperators Nachfolge anzutreten und die Welt in günstigere Geschicke lenken zu können. 4 Prüfungen, die alles verändern und am Ende einen Teil der eigenen Seele fordern. 4 Prüfungen, die ihn zu Laia führen und auf einen Weg, von dem es keine Widerkehr gibt…

„Es gibt Hoffnung im Leben. […]Du hast eine Seele. Lass nicht zu, dass sie sie dir nehmen.“

  • Wird es ihm gelingen, die Prüfungen zu meistern und die Freiheit (wieder) zu erlangen, nach der er sich sein Leben lang verzehrt?
  • Welche Opfer wird dieser Weg von ihm und seinen Vertrauten fordern?
  • Ist es ein Weg in die freie Zukunft oder in ewige Verdammnis und Tod?
  • Und was bedeuten diese Gefühle, die er sowohl für das Sklavenmädchen als auch für seine beste Freundin und Kameradin Helena zu empfinden scheint?

Dann gibt es noch Laia – ein Kundigenmädchen von 17 Jahren, jenes schon in frühem Alter den Verlust der Eltern verzeichnen musste. Seit dem wächst sie, wenn auch als Kundige unterjocht, relativ behütet bei ihren Großeltern auf. Sie lernt das Lesen, das Heilen und das Handwerk des Kochens und viele andere Überlebensnotwendigkeiten. Dinge, die man einem Kundigen in der jetzigen Zeit nicht mehr zutraut, geschweige denn erlaubt. Aber ‚Kundig‘ wie der Name schon sagt, bedeutet uraltes Wissen, und dieses geht nur selten verloren, auch wenn es die Obrigkeit nicht wahrhaben will und aller Menschen Kräfte daran setzt, es zu vernichten. Laia hat einen älteren Bruder, der ihr Mentor und Beschützer und bester Freund zugleich ist. Sie stehen sich sehr nahe und teilen fast alles miteinander. Bis eines Tages ein schreckliches Geheimnis ihren Bruder in die Fänge der Feinde treibt und großes Unheil über der Familie hereinbrechen lässt. Laias Großeltern werden vor ihren Augen durch einer Masken‘ Hand ermordet und ihr Bruder in Gefangenschaft gebracht, während ihr von ‚Feigheit‘ (zumindest sieht sie es so) getrieben die Flucht gelingt. Sie sucht Hilfe bei einer Rebellengruppe, der ihre Eltern einst angehörten. Nicht nur angehörten, sondern deren Führung ihre Mutter als ‚starke Löwin‘ innehatte, bis ein Verrat aus eigenen Reihen ihr Leben forderte. Die erwünschte Hilfe soll sie bekommen, aber unter einem schweren Preis, der nicht nur ihre Gesundheit und ihr ganzes Leben fordert, sondern sie auch in die Arme des Feindes treibt: Sie soll die Kommandantin der Martialen / der Masken ausspionieren und als deren Sklavin geheime Informationen an die Rebellen – den Widerstand – liefern, sonst sei das Leben ihres Bruders verwirkt. Naiv wie sie ist, stimmt sie zu und es beginnt für sie eine Zeit voller Schmerzen, Pein und Folter, fernab von Löwenstärke. Eine Zeit voller Todesangst und voller Vertrauensbrüche, denn kann sie wirklich jemandem vertrauen, der das Leben ihres Bruders an das ihre knüpft?

„Erschöpfung geht vorüber. Schmerz geht vorüber.“

Aber in dieser schrecklichen Zeit, in jener sie körperliche Misshandlung in großem Maße erfährt, erfährt sie auch das erste Mal in ihrem Leben einen Hauch von Hoffnung. Hoffnung durch Menschen, wie das Küchenmädchen und die Köchin, jene auch Sklaven der Kommandantin sind. Hoffnung durch einen Waffenschmied, der ihren Bruder kannte. Hoffnung durch Kinan - einen Rebellen - , der ihr Herz erwärmt und nicht zuletzt Hoffnung durch Elias, der ihr wider aller Sinne zur Hilfe eilt, wann immer sie glaubt, alles verloren zu haben oder von mächtigen Geistern der Vergangenheit bedroht zu werden.

  • Aber kann sie dem Feind in einer für sie fremden Welt trauen, nur weil er einen weiteren gemeinsamen Rivalen zu haben scheint?
  • Kann sie auf Freundschaften bauen, die während der Sklaverei entstanden sind, wenn die Strafen für diese über körperliche Züchtigung hinausgehen?
  • Kann sie das Leben vieler anderer Menschen gegen das eine ihres Bruders aufwiegen und guten Gewissens ihre Seele bewahren?
  • Kann sie Gefühle wie Liebe in einer Zeit des Terrors zulassen und alte Grenzen überschreiten, um neue zu ziehen?
  • Ist es sowohl ihr als auch Elias möglich, mit den Dämonen der Vergangenheit abzuschließen und jene der Zukunft in ihre Schranken zu weisen?
  • Was passiert mit den beiden, wenn die Prüfungen fehlschlagen?

Dies sind nur ein Teil der vielen Fragen, die Euch den Roman beim Lesen nicht aus der Hand legen lassen und die ihn so wertvoll gestalten, dass man ihn einfach verschlingen muss. Lest selbst und taucht ein in eine mystische Welt voller Dschinn, Geister, Gefahren, aber auch voller Hoffnung, Gefühl, Überraschung und Freiheit. Ihr werdet es nicht bereuen.

 

Mit ‚Elias & Laia: Die Herrschaft der Masken‘ hat Sabaa einen fantastischen und zugleich dystopischen Roman der Extraklasse erschaffen, der seinesgleichen sucht. Es ist eine Geschichte um die Idee der Hoffnung, die im Kampf für die Freiheit wächst und mit der eigenen Tapferkeit ringt. Es ist ein Roman über Orientierung & Hoffnung, über die Verantwortung für das eigene Handeln und den Mut, für das einzustehen, was einem wichtig ist. Dabei zeichnet die Autorin ihre Charaktere so liebevoll und reell, dass man mit ihnen mitfühlt, Angst und Pein empfindet, aber auch den Schimmer von Hoffnung erblickt und den Hauch der Liebe spürt, der einem im Innersten erwärmt. Sie entwickeln sich, dynamisieren sich im Verlauf des Geschehens und verändern sich, so wie man als Leser am Ende des Buches auch ein anderer ist.

Es ist eine Erzählung, die einem die unterschiedlichen Formen der Knechtschaft aufzeigt, die man sich nie für das eigene Leben wünschen würde und die doch präsent sind. Sei es Sklaverei und Unterjochung durch ein brutales und totalitäres Regime oder sei es der Zwang der eigenen Familie, nicht der zu sein, der man ist. Der Roman verdeutlicht, dass es nicht immer nur die Offensichtlichen sind, die unter einem Regime zu leiden haben, sondern das auch auf der herrschenden Seite eine Form von Knechtschaft den eigenen Körper und Geist in die Knie zwingen kann. Siehe Elias. Denn wo Trommeln für den einen die Musik der Freiheit bilden, sind sie für den anderen der Klang von Knechtschaft. Aber Elias hat genug, er begehrt auf, er will raus. Dies erfordert eine Menge Mut, Mut, jenen auch Laia dringend gebrauchen kann. Denn ihre Flucht war keineswegs feige, denn viel mehr genau das Einzige, das ihrem Bruder die Chance auf Leben geben kann. Wäre sie geblieben, sie wäre gestorben. Sie ist nicht feige. Laia ist mutig, auch wenn sie es zunächst nicht sieht, sie begibt sich für ihren Bruder, den sie vor der Maske nie hätte erretten können, freiwillig in den Sklavenstand und erleidet Höllenqualen und gibt doch nicht auf. Wenn das kein Mut ist, was ist es dann? Dabei wird sie oft durch eine innere Stimme geleitet, die ihr zunächst feindlich erscheint, sich im Verlauf aber als Trost spendende, innere vokale Erscheinung in Charakter ihres Bruders inszeniert, bis sich ihre eigene starke innere Stimme offenbart. Mut verwoben mit Liebe und Hoffnung sind die stärksten Bande und zeugen von einer enormen Tapferkeit. Solche Bande lassen sich nicht entknüpfen. In einer Welt, in der Gefühle als Schwäche gelten und die eiserne Härte des Imperators und seiner Handlanger keinen Platz für die Schwäche lässt, sind es oftmals genau diese Eigenheiten, die wahre Stärke ausmachen und der Hoffnung Leben geben.

Genau dies hat Sabaa mit ihrem Roman für mich so treffend vermittelt. Dabei unterstütz sie ihre einzigartige Geschichte, bei jener ich sehr auf Fortsetzung hoffe, durch eine bildhaft gestaltete Szenerie und einem atmosphärischen Schreibstil, der dem Abenteuer die nötige Luft zum Atmen und zur Entfaltung gibt. Sie schreibt spannend, erhellend, emotionsschwanger und einfach einnehmend. Dies kommt auch perfekt durch die mehr als gelungene Übersetzung von Barbara zur Geltung. Barbara schafft es, uns als Leser, mit der mit Bedacht gewählten passenden und gehobenen Wortwahl und der Verwendung oftmals in Vergessenheit geratener Worte, hervorragend in den Bann und Verlauf der Geschichte zu entführen. Vielen Dank dafür. Die Autorin selbst schwängert ihre Geschichte durch einen kapitelweise vollzogenen Perspektivenwechsel an, der es dem Leser erlaubt, in die unterschiedlichen Sicht- und Verhaltens- sowie Erlebnisweisen der beiden Protagonisten einzutauchen. Sie schöpft dabei aus dem Vollen der fantastischen Literatur und untermalt das Ganze mit reellen Anknüpfungspunkten, die die Erzählung so greifbar machen. Dabei unterteilt sie das Buch, den Spannungsbogen ausgewogen unterstützend, in 3 Teile und verleiht dem Ganzen einen passenden Ton, indem sie durch die in Gegenwartsform verfasste Erzählweise ein aktives Mitdabeisein möglich macht.

Besonders gefallen hat mir die komplette Namensgebung der Charaktere. Beispielhaft herausgegriffen sind hier ‚Elias: "Bruder"/"Mein Bruder" /Hebräisch: der Göttliche‘ und ‚Laia: griech.: die Beredte, die Redegewandte‘. Allein die Bedeutung dieser Namen zeigt schon in welche Richtung sich die Charaktere entwickeln werden / können. Dem hinzu kommt auch der Ton mit dem die ‚Untergebenen‘ angesprochen werden, so als hätten sie keinen eigenen Namen. ‚Köchin, Küchenmädchen und Sklavenmädchen‘ verdeutlichen nur zu gut, dass ein Name einen in trügerischer Freiheit wiegen kann, wo keine Freiheit mehr ist. Dennoch schaffen es die Charaktere, sich nicht selbst zu verlieren.

Auch das mir vom Verlag zur Verfügung gestellte Hardcover hat mich in seiner äußeren Aufmachung beeindruckt. Farblich recht dunkel und in Kupfertönen gehalten empfinde ich es sehr ansprechend. Der Buchumschlag selbst liefert mit dem angedeuteten Abbild eines Maskenträgers, in dessen Augen sich ein Mädchen (Laia?) spiegelt und dem am unteren Rand dargestellten Amphitheater schon einen beeindruckenden Vorgeschmack auf das, was da kommen mag. Der Titel selbst ist im Deutschen sehr schön gewählt, da er den Fokus direkt in die wahre Richtung des Geschehens lenkt, obgleich mir der englische Originaltitel gefühlsmäßig einen Deut besser zusagt. Hinsichtlich der Altersempfehlung diesen Romans habe ich aber einen Kritikpunkt: Auch wenn die Gewalt oft nur angedeutet und zumeist eher der eigenen Vorstellungskraft entspringt, finde ich die Empfehlung für 14-Jährige etwas zu früh…

Fragen, die für mich zurückbleiben:

  • Was wird aus der Maske, die Laias Familie auf dem Gewissen hat? (etwas unzureichend im Buch dargestellt)
  • Wer ist Kinan wirklich und was verbirgt / teilt er als Geheimnis / Vergangenheit mit Laia, denn es verbindet die beiden mehr, als es zunächst den Anschein hat, aber selbiges trifft auch auf Laia & Elias zu!
  • Führt Mut zu Strafe oder zu Erlösung und kann Laia ihren Bruder erretten und Elias seine Freiheit finden?

Abschließend kann ich einfach sagen: Wow. Einfach nur großartig und der beste Roman, den ich seit Langem gelesen habe. Ich hoffe wirklich sehr auf eine Fortführung. Bei einer eventuellen Verfilmung stehe ich auch gerne als Laia bereit :) den Part von Elias könnte Elyas M’Barek übernehmen und den von Kinan der herausragende Eddie Redmayne :)

Mit meiner Lieblingsstelle in diesem Buch, lege ich Euch die Geschichte um Elias & Laia ans Herz:

„Der Teil von mir, der nach wie vor ein Kind ist, der Teil, von dem ich nicht wusste, dass es ihn noch gibt, heult vor Zorn auf.“

Eure Jil Aimée