Rezension – Die Wolkenfischerin – Claudia Winter

19.12.2017 10:04

Kurzbeschreibung / #werbung

Charmant und gewitzt hat sich Claire Durant auf der Karriereleiter eines Berliner Gourmet-Magazins ganz nach oben geschummelt. Denn niemand ahnt, dass die Französin weder eine waschechte Pariserin ist noch Kunst studiert hat – bis sie einen Hilferuf aus der Bretagne erhält, wo sie in Wahrheit aufgewachsen ist: Ihre Mutter muss ins Krankenhaus und kann Claires gehörlose Schwester nicht allein lassen. Claire reist in das kleine Dorf am Meer und ahnt noch nicht, dass ihre Gefühlswelt gehörig in Schieflage geraten wird. Denn ihr Freund Nicolas aus gemeinsamen Kindertagen ist längst nicht mehr der schüchterne Junge, der er einmal war, und dann taucht aus heiterem Himmel auch noch ihr Chef auf. Claire muss improvisieren, um ihr Lügengespinst aufrechtzuerhalten – und stiftet ein heilloses Durcheinander in dem sonst so beschaulichen Örtchen Moguériec …

 

Erscheinungsdatum: 18. Dezember 2017

Seitenzahl der Printausgabe: 400

Verlag: Goldmann Verlag

ISBN-10: 3442485738

ISBN-13: 978-3442485734

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Ich danke dem Goldmann Verlag für das Bereitstellen eines Vorab-Rezensionsexemplars im Taschenbuch Format. Dieser Umstand hat keinen Einfluss auf meine Bewertung.

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Angaben zum Autor

Claudia Winter, geboren 1973, ist Sozialpädagogin und schreibt schon seit ihrer Kindheit Gedichte und Kurzgeschichten. Als Tochter gehörloser Eltern lernte sie bereits mit vier Jahren Lesen und Schreiben, gefördert von ihrem Vater. Vor "Aprikosenküsse" hat sie weitere Romane sowie diverse Kurzgeschichten in Anthologien veröffentlicht. Ihr neuer Roman "Glückssterne" erscheint am 12. Dezember 2016 im Goldmannverlag, Randomhouse.
Ihre frühen Werke sind in Neuauflage unter dem Pseudonym "Carolin Wunsch" erschienen.
Die Autorin lebt mit ihrem Mann und den Hunden Kim und Luka in einem kleinen Dorf nahe Limburg an der Lahn.

 

Rezension – Fische nach deinen Träumen, du bist selbst dafür verantwortlich

‚Die Wolkenfischerin‘ ist bereits der dritte Roman, den ich von der Autorin aus dem Goldmann Verlag lese, und auch er begeistert wieder. In der gewohnten Eleganz und gefühlvollen Note, die jeder einzelne Satz ins Leserherzen treibt. Claudia Winters Schreibstil hat klasse, ist flüssig und eloquent, malt wundervolle Bilder und webt packende Gefühle, entführt einen direkt an den Ort des Geschehens und lässt einen reisen – durch die Geschichte, die Schauplätze, das Leben. Sie hat es somit zum wiederholten Mal geschafft, mich am Ende vollkommen zufrieden zurückzulassen. Bisher waren ja die ‚Glücksterne‘ mein Favorit von ihr, doch ich muss sagen, dass diese durch ‚Die Wolkenfischerin‘ um einen Platz nach hinten verschoben worden sind. Claudia Winter ist mit dieser Erzählung schriftstellerisch gewachsen, hat sich an ein zum Teil sehr persönliches Thema (Gehörlosigkeit ist auch in ihrer Familie bekannt) herangetraut und dieses voller Leben und Kraft in die Geschichte gebaut. Davor ziehe ich meinen Hut, denn es kostete mit Sicherheit eine Menge Mut und Tränen, doch es ist ihr gelungen. In jedem Wort spürt man die unendliche Liebe, die sich nicht an äußerlichen und innerlichen Begebenheiten festmacht, sondern die einfach ist. Rein und klar. Ich bin ein Fan ihrer Art, Geschichten zu erzählen – voller Stil, Wortwitz, Esprit und immer passend zum jeweiligen Thema. Claudia Winters Romane sind voller Genuss, Zuneigung und schmiegen sich wie ein lieb gewonnener Freund um die Leserseele.

So natürlich auch in diesem kleinen Schmuckstück, indem wir zu Beginn der jungen Gwen begegnen, die ihren Vater verloren hat und damit vorerst auch, ihren Träumen nachzujagen. Ihre Schwester ist gehörlos, ihre Mutter seit dem Tod des Mannes seltsam kalt und distanziert, wenn es um Gwen geht, welche sich missverstanden und ein Stück weit auch im Stich gelassen fühlt. Vor dem harten Schicksalsschlag war die Familie geprägt von Liebe, Zuneigung und Lebensfreude, jetzt ist sie erfüllt von Einsamkeit, fehlender Hoffnung und der Bitterkeit des Lebens. Die Trauer droht Gwen zu ersticken, nimmt ihr jede Antriebskraft, die sie gerade in den Jahren einer Teenagerin so dringend benötigte. Doch dann entscheidet sich die von Schmerz und Verlust durchsetzte Familie, die etwas schrullige Tante in Paris zu besuchen und mit Gwen wird mit einem Mal alles anders, sie lernt wieder zu leben und ihren Schmerz hinter der Fassade der grand dame zu begraben. Flüchtet vor ihrer Vergangenheit, um sich eine fehlerlose Zukunft aufzubauen. Plötzlich taucht auch noch eine gewisse Claire in Gwens Leben auf und weist ihr den Weg die Träume- und Karriereleiter hinauf. Das Ganze hat nur einen hohen Preis: die Abkehr von Mutter und Schwester, der sie doch ein baldiges Wiedersehen versprochen hatte … ein ›Bald‹, das eine Ewigkeit dauern sollte …

Wenn das Leben neue Chancen verteilt und ein übermächtiger Beamter zum Überbringer dieser wird. Wenn eine gehörlose Schwester, eine sich über die Jahre abschottende Mutter und eine Tante voller Charme, Esprit und Grande Dame-Allüren zum Wegweiser nach Hause werden. Wenn ein Chef, der so ganz anders ist als die vergangenen Jahre zum Anker wird und in der Heimat Gwens unerwartet auftaucht. Wenn eine Gwen sich selbst zu finden versucht. Wenn Fassaden, die wir alle von Zeit zu Zeit auflegen, bröckeln, weil der Blick dahinter uns erst die Wirklichkeit zeigt. Ja, dann ist es Schicksal, ein Schicksal, das uns offenbart und mit viel Mut erkennen lässt, dass Finistère womöglich doch nicht das Ende der Welt ist. Sondern erst der Beginn, man muss sich einfach nur von den bretonischen Wellen tragen lassen. Sie führen einen schon genau dahin, wo das Herz gesunden kann.

  • Ob es Gwen so auch ergehen wird?
  • Wird sie es schaffen, zu ihrer Familie und ihren wahren Träumen zurückzufinden?
  • Frisst der Schmerz um den bitteren Verlust sie innerlich auf und macht eine Rückkehr zu Mutter und Schwester unmöglich?
  • Wird es am Ende überhaupt noch eine Familie geben, die sie willkommen heißt?
  • Und was hat es mit dieser Claire auf sich, die später noch zu Gwens Wegweiser in Richtung Wahrheit werden soll?
  • Nicht zu vergessen, ein gewisser Hellwig, der dieser nicht nur das Herz höherschlagen lässt, sondern sie auch dazu zwingt, eine wichtige Entscheidung zu treffen?
  • Was wird es am Ende sein: Wahrheit oder Lüge?

Lest selbst und lasst Euch abwechselnd entführen nach Berlin, Paris und in die Bretagne. Lasst Euch dabei wie die Wolken treiben und nehmt jedes noch so leise Detail auf. Der Herzschlag der Geschichte sitzt in jeder Zeile. Es ist eine Liebesgeschichte: um die unendliche Liebe einer Familie, um Vergebung, Neubeginn und die Erkenntnis, dass ein Zuhause nicht durch Lügen und Abkehr verschwindet, sondern sich immer im Herzen befindet.

»[…] und es war so still dort, während hier sogar die Nacht einen Herzschlag hatte.«

Ein besonderes Merkmal an Winters Romanen, das ich sehr zu schätzen gelernt habe, ist: Die Autorin gibt nicht durch knappe Randbemerkungen ein nur angedeutetes Flair der Kulisse der Geschichte wieder, sondern zeichnet das Bild mit ausgewogener Fülle, mit Charme, mit Authentizität. Die Schauplätze sind gut recherchiert und um die perfekte Note eigener Inspiration ergänzt. Damit lockt sie einen wirklich in die Bretagne. Ich habe mich durch ihre Worte direkt heimisch gefühlt, den Ort/die Gegend ins Herz geschlossen. Ergänzt wird das in Winters Fall immer durch landes-/regionstypische Rezepte, die sich am Ende des Buches finden und in Bezug zur Geschichte stehen. Man bekommt somit wahrlichen Genuss auf das volle Entdecken. Winters Romane sind mehr als bloße, kurzweilige Geschichten. Sie sind ein Gesamtpaket, das ins Herz geht und einen auf vielen Ebenen voller Gaumenfreude und Zufriedenheit erfüllt. Und das darüber hinaus mit einzigartigen Anekdoten und Verweisen geschmückt ist, die für mich persönlich von Bedeutung sind, als würde die Autorin mein Herz kennen. Das ist ein besonderes Talent, für ein großes Publikum zu schreiben und doch jeden Einzelnen auf seine Weise zu erreichen. In meinem Fall war es Folgendes: »Der kleine Prinz«, wie er in der Geschichte erwähnt wird, ist auch eine meiner Lieblingsgeschichten. Zu lesen, dass er auch Einzug in die Herzen anderer findet, war nur ein weiteres von vielen Schmankerln in der Wolkenfischerin.

Darüber hinaus vermag es Claudia Winter, jeden Charakter voller Stärke und Liebe bis ins Detail zu zeichnen, dass man sich einem jeden davon beim Lesen nahe fühlt. So nahe, als begleite man nicht nur Gwen, sondern auch die anderen durch die Bretagne, die Reise des Lebens. Aber vor allem: Als begleite man sie auf ihrem Weg nach Hause. Ja, alle Charaktere sind auf ihre eigene Weise ausnahmslos stark. Winter schreibst einfach mit Tradition, Esprit und einer würzigen Prise Humor (vor allem in den schrulligen und herzallerliebsten Nebencharakteren), die das Ganze abrunden.

»Nun denn, ich finde, der Name Claire Durant klingt wie eine ganz wundervolle Eintrittskarte.«

  • Doch eine Eintrittskarte wohin? Zurück ins echte Leben?

Der Roman ist für mich eine einzigartige Erzählung mit dem perfekten Gespür für das, was uns als Leser in unseren Herzen berührt: große Träume, Liebe, Erfolg, aber auch die Bewältigung tiefer Trauer, das Erlenen von Vertrauen (vor allem in sich selbst), und Vergebung – allein die Mischung daraus ist der Weg in die Zukunft, in eine ehrliche Zukunft. Auf Lügen lässt sich nichts mit dauerhaftem Bestand aufbauen – die Botschaft dieses Buches. Irgendwann fällt das erschaffene Konstrukt zusammen, wie eine Pusteblume im Wind verweht. Die eigene Vergangenheit vergisst einen nie. Man kann niemals vor sich selbst davonlaufen. Etwas, das die Protagonistin in diesem Werk aufs Schärfste selbst erfahren wird.

Kommen wir nun zur äußeren Aufmachung. Es ist eines dieser wenigen Cover, die einen direkt im Herz berühren und an den Ort des Geschehens entführen. Voller Farbe, voller Hoffnung, voller Urlaubsfreude – wie auch die Geschichte selbst. Die Blau-und Rottöne harmonieren gekonnt und in Verbindung mit dem Hafen im Hintergrund und dem Titel des Romans lassen sie einen sich direkt an den Ort der Geschichte träumen, durch die Cafés und kleinen Läden flanieren, nach den großen Wünschen greifen, ja nach Wolken fischen. Für mich wirklich einfach besonders. Ich nahm das Buch in die Hand und wusste sofort, es ist wie nach Hause kommen, an einen Ort, der mir bisher unbekannt war. Ein Ort, der mir nach der Geschichte aber zu einer Heimat des Herzens geworden ist. Darüber hinaus muss ich an dieser Stelle erwähnen, dass das auf der Rückseite des Buches abgedruckte Autorenfoto farblich perfekt zum restlichen Cover passt, zudem wirkt die Autorin sehr sympathisch. Im Inneren glänzt es auch. Die Schwalben (?) über den Kapiteln, gekonnt ausgewählt und so passend und schön gestaltet, fischen quasi auch im Himmel nach den Wolken.

Abschließend und zusammenfassend:

So viel Liebe zum Detail vermochte die Autorin in die zu Beginn auf zwei Zeitebenen erzählte Geschichte, ja in die Ausgestaltung der malerischen Kulisse zu legen. Zusammen mit den Rezepten am Ende, die zu bretonischem Hochgenuss einladen, und dem frz. Glossar bildet es einfach ein Gesamtschmuckstück. Etwas Besonderes, das die Wolkenfischerin in unsere Herzen malt wie die kleine Schwester Gwens ihre Träume auf der Leinwand verewigt. Und so seine Spuren hinterlässt und nachhallt wie eine liebevolle Erinnerung.
Also, Ihr habt inzwischen gemerkt, dieser Roman ging direkt in mein Herz. Ich kann ihn Euch daher nur wärmstens empfehlen, auch für das kommende Weihnachtsfest, gerade falls Ihr Euch der Kälte des Winters entträumen wollt. ‚Die Wolkenfischerin‘ hat mich daran erinnert, nach meinen eigenen Wolken zu fischen, zu träumen und wahrhaft und aufrichtig zu leben. Danke dafür, und Euch ein frohes Fest.

 

Eure Jil Aimée