Wenn du dich traust - von Kira Gembri - Rezension

05.10.2014 14:46

 

Wenn du dich traust -  von Kira Gembri - Rezension

Kurzbeschreibung

Lea zählt - ihre Schritte, Risse im Asphalt, die Erbsen auf ihrem Teller. Seit sie wegen ihrer Zwangserkrankung in einer Klinik gelandet ist, zählt sie aber vor allen Dingen eins: die Tage, bis sie endlich wieder von dort verschwinden kann.
Zumindest in diesem Punkt hat sie etwas mit Jay gemeinsam. Vom Jugendgericht zu Sozialstunden verdonnert, kann sich der 20-jährige Bad Boy nichts Schlimmeres vorstellen, als in einer Klapsmühle den Wischmopp zu schwingen. Damit nicht genug, wird er im Büro der Klinikleitung auch noch von Lea beim Klauen erwischt. Anstatt ihn anzuzeigen, schlägt sie ihm allerdings einen Handel vor. Im Tausch gegen ihr Stillschweigen - und eine wertvolle Halskette - lässt er sich zähneknirschend darauf ein ...

 

 

Rezension

 

‚Und ich schätze, es könnte ziemlich gut werden, wenn du dich traust‘ - Schonungslos ehrlich – der Weg sich seinen Ängsten gemeinsam zu stellen und aus gewohnten Mustern auszubrechen

 

Wie fängt man eine Rezension für ein Buch an, dass einen in allen Bereichen einfach komplett eigenommen hat? Dessen Leichtigkeit und zugleich Ernst der Sache einen wundern lassen, wie gut es einem doch selbst geht und dennoch, wie bemerkenswert und tiefreichend die Charaktere noch lange nach Beenden des Romans auf einen wirken. Sie schummeln sich in dein Gedächtnis und ihre Geschichte lässt dich nicht mehr los. Sie verändert deine Welt ein klein wenig, rückt sie zurecht, wo du dachtest es bedarf keiner Korrektur und doch wird dein Leben nach diesem Roman ein bisschen besser. Besser einfach deshalb, da du erkennst, auch wieder die einfachen (okay für dich einfachen) Dinge, wie ein Lächeln und einen wortstarken und doch amüsanten Schlagabtausch schätzen zu lernen…

 

‚Wenn du dich traust‘ ist eine ganz neue Richtung für Kira und umfasst dabei noch ein hochsensibles Thema. Jenes der eigenen Ängste, die in Zwangsstörungen münden können oder dem Abschotten seines Selbst von Familie und dem eigenen Leben. Ängste, die einem die Leichtigkeit des Lebens an sich nehmen können. Eine Leichtigkeit, die Lea, wie es scheint, so ganz nebenbei durch den Bad-Boy Jay Schritt für Schritt zurück erhält. Aber ganz so nebenbei ist dies nicht. Es erfordert Feingefühl und Verständnis und ganz viel emotionale Stärke von beiden Seiten, die Lea und Jay erst wieder lernen müssen. Und doch schaffen sie, durch die Sorge um den jeweils anderen oder auch so manches Mal auch durch den Ärger über den anderen, diese wieder aufzubauen und sich auf das Leben an sich zu verlassen. Sie bringen beide ihr jeweils individuell festgezurrtes Päckchen an Ängsten und emotionalem Ballast mit in diese doch ein wenig ungewöhnliche Konstellation von Beziehung, die als eine Art ‚ich-helfe-dir-wenn-du-mir-hilfst Nutzgemeinschaft startet, die beiden erstmal grundlegend gegen den Strich geht, aber nun einmal für den Moment die bessere Alternative bildet. Und bei diesem für-den-Moment soll es nicht bleiben. Lea und Jay - so unterschiedlich sie auch sein mögen, rauher Bad-Boy mit misslungener Kindheit und zartes Mädchen mit zwanghaften Ängsten und dem Drang Kontrolle durch Zählen zurückzugewinnen - begeben sich zunächst etwas unfreiwillig und dann mit der Zeit doch voll und ganz auf eine gemeinsame Heilungstour…voller Hürden und schonungsloser Ehrlichkeit und Rückschlägen, aber auch dem Aufstehen nach dem Hinfallen…

 

Kira schafft es durch ihren individuellen und angenehmen Schreibstil ein an sich oft unangenehmes Thema (psychische Erkrankung bei Lea sowie Kindesmisshandlung bei Jay) mit einer solchen Inbrunst zu erfassen, die sowohl Leichtigkeit und ganz viel Charme als auch brutale, bittere Wahrheit und tiefen Schmerz mit einbezieht. Dabei verliert sie nie den Ernst der Sache aus dem Blick. Ihre Charaktere haben Tiefgang und entwickeln durch ihre sehr feinfühlig gewählten Eigenschaften ein Eigenleben, das einen in seinen Bann zieht. Die wahre Tragweite einer solchen Geschichte wird dem Leser direkt übermittelt, da er praktisch aktiv am Geschehen beteiligt ist. Er hofft und bangt mit Lea und bekommt zumindest Ansatzweise eine Vorstellung der tatsächlichen Gewalt einer solchen Erkrankung. Er leidet mit Jay mit über seine düsteren Erinnerungen und bekommt so manches Mal ein Schleudertrauma, wenn sich seine Laune von hocherfreut und zum Shakern aufgelegt, ruckartig in abgrundtief gemein und unnahbar wandelt. Darüber hinaus haucht Kira den beiden echtes Leben ein. Sie gibt ihnen Ecken und Kanten, Sensibilität und Starrsinn, aber auch Liebe und Hass. Man fühlt alle Emotionen beim Lesen mit und so kommt man auch nicht umhin, in manch heikler Situation auf einmal und ganz überraschend ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert zu bekommen. Das sind die Momente, in jenen man die Parallelen zu seinem eigenen Leben entdeckt, so ist es bei mir in den ‚How-I-Met-Your-Mother‘ und ‚Star-Wars‘- Schlagabtauschen, aber noch in so vielem mehr.

 

Liebe Kira, alles in allem, kann ich nur sagen: Ich bin absolut begeistert. Von Geschichte, Charakteren, dem Cover -  einfach dem Gesamtpaket. Vielen lieben Dank für diese andere, grandiose Leseerfahrung und danke Dir dafür, dass mein Leben jetzt noch ein Stückchen besser ist. Danke für die Emotionen, den Tiefgang, den Schmerz, den Kummer, den Spaß, die Liebe, danke für die Hoffnung und die schönen ‚Luke-und Lea (Leia)-Momente‘ <3 Eine Geschichte, die ich nie vergessen werde und die ich jedem zu lesen empfehle. Danke Kira.

 

…und ich schätze, es könnte ziemlich gut werden, wenn du dich traust…diese Geschichte zu lesen!

 

--Jil Aimée