Rezension – Die Gwailor-Chronik (1): Im Schatten der Prophezeiung / Die Gwailor-Chronik (2): Schicksalspfade - Susanne Gavénis

25.01.2015 23:43

Kurzbeschreibung Buch 1

Dayin, dem Sohn des Königs von Tarell, wird bei seiner Geburt eine schreckliche Prophezeiung gemacht: Sein eigener Vater soll durch seine Hand den Tod finden, heimtückisch ermordet, um den Thron des Landes an sich zu reißen. Doch wie kann es geschehen, dass aus einem zarten, mitfühlenden Kind ein kaltblütiger Mörder wird? Dayin weiß, dass er nur eine Chance hat, sich von dem düsteren Schatten zu befreien, der sein Leben bestimmt. Er muss beweisen, dass er die furchtbare Bluttat, die ihm prophezeit wurde, unter keinen Umständen Wirklichkeit werden lassen wird. Doch schon bald muss er erkennen, dass das Schicksal ein Gegenspieler ist, der sich nicht leicht geschlagen gibt.

Seitenzahl der Print-Ausgabe Buch 1: 474 Seiten

 

Kurzbeschreibung Buch 2

Der Augenblick der Wahrheit rückt unaufhaltsam näher. Dayin, mittlerweile zum jungen Mann herangewachsen, versucht noch immer verzweifelt zu beweisen, dass er kein Mörder ist. Doch das Netz aus Intrige und Verrat zieht sich immer enger um ihn zusammen und mächtige Feinde setzen alles daran, die grausame Prophezeiung Wirklichkeit werden zu lassen. Schließlich muss Dayin erkennen, dass sein Scheitern nicht nur für ihn selbst, sondern auch für die beiden Königreiche Gwailors den Untergang bedeuten würde.

Seitenzahl der Print-Ausgabe: 513 Seiten

Beide Teile sind im AAVAA Verlag erschienen (1. Dezember 2014)

 

 

Angaben zum Autor (Auszug der Autoren-Homepage):

„Ich wurde am 30.10.1970 in Celle geboren und entwickelte schon in frühester Kindheit eine große Faszination für Science-Fiction- und später auch für Fantasy-Geschichten. Mit elf Jahren begann ich dann, eigene kleine Romane zu verfassen. Damit einher ging eine zunehmende Begeisterung für die Naturwissenschaften, da gerade SF-Literatur einen fast zwangsläufig auf die Fragen bringt, was denkbar und machbar ist und wie letztlich die Grundlage des Universum aussehen könnte…“ (Susanne über sich)

Weitere Informationen zur Autorin, ihren Werken und ihrem Werdegang findet ihr hier:

http://susanne-gavenis.de/vita/

Rezension – Aus dem Schatten heraus ins Licht treten und über sein eigenes Schicksal mächtig sein (Gwailor-Chronik (1+2))

Zu Beginn des ersten Teils der Gwailor-Chronik erfährt der Leser, wie es zu der Aufteilung des einstigen Reiches Gwailor in die zwei Königreiche Tarell und Lumaar kommt. Vor einigen Generationen wurde dem damaligen Herrscher Gwailors ‚Judenor Gordenai‘ von seiner Gemahlin das Geschenk von Zwillingssöhnen gemacht. Da beide zur nahezu selben Zeit das Licht der Welt erblickten, wollte er keinem das Recht des Thronfolgers rauben und teilte sein Königreich friedvoll in zwei Herrschaftsgebiete auf, dass jeder Sohn eines davon führen möge. Dies geschah zwischen den Zwillingsbrüdern auch in friedliebender Art und Weise, doch schon die Enkel Judenors führten ihre Reiche in erbitterter Feindschaft und tiefem Streit zueinander, da ein jeder sich für den rechtmäßigen Erben und Gebieter über ganz Gwailor hielt. Der daraus entstandene Zorn wurde fedenhaft über Generationen weitervererbt, sodass zu Beginn der Geschichte des ersten Buches die beiden Königreiche sich feindlich gesinnt gegenüber stehen.

Im Königreich Tarell sowie Lumaar kommt es zur selben Zeit zu Nachwuchs und während König Kronot Tarell durch die Geburt seines Sohnes Dayin und die Königstochter Lumaars auf eine friedliche Einigung der beiden Reiche in der Zukunft hofft, so ist König Rohn Lumaar über die Geburt einer Thronerbin mehr als nur enttäuscht. Für Rohn Lumaar zählen nur männliche Erben als wahre Thronfolger, da nur sie seiner Meinung nach die nötige Härte, taktisches Kalkül und Weitsicht in sich haben, um ein ganzes Land zu regieren. Da ihm aber ein männlicher Erbe versagt bleibt, versucht er seine Tochter Lilell durch hartes Waffentraining früh zu formen. Dies vermag ihm aber nicht zu gelingen, denn seine Tochter ist zart, weich und durch große Gutmütigkeit und Nächstenliebe gekennzeichnet. In seinem Hass gegenüber Tarell würde Rohn niemals einer Hochzeit und somit friedlichen Wiedervereinigung der beiden Völker gleichen Ursprungs zustimmen. Die Geschichte um die beiden Königskinder wird in sich abwechselnden Teilen erzählt, die sich zwangsläufig irgendwann verweben müssen.

In Gwailor gibt es aber noch mehr Einfluss auf die Entwicklungen der Zukunft, als die Entscheidungen der Könige. In beiden Reichen ist es üblich, dass den Königskindern nach ihrer Geburt durch Berührung einer Seherin eine Prophezeiung über ihre Lebensrichtung ausgesprochen wird. Im guten, wie im schlechten Sinn. Seherinnen bestimmen das Machtbild der Zukunft unterbewusst. Dass die Seherinnen das Schicksal bzw. die Zukunft der Bewohner bezeichnen, gibt der Geschichte einen neuen Touch

„Die Prophezeiung kann … sie kann alles verändern.“

So kommt es, dass dem gutherzigen Kronprinzen Dayin Tarell von der höfischen Seherin die schlimmste aller Weissagungen zuteilwird:

Es heißt, er würde noch vor Erreichen des Krönungsalters von 25 seinen eigenen Vater hinterrücks ermorden und somit zum Königs- und Vatermörder werden. Diese dramatische Prophezeiung über ein noch unschuldiges Baby wird den Lebensweg des Prinzen von Tarell auf düstere Weise verzerren und brandmarkt ihn nach Bekanntgabe in beiden Reichen als Mörder, obgleich seine Eltern alles versuchen, ihn nie dazu werden zu lassen. Sein Vater lässt ihn aufgrund des Ratschlags seines höfischen Beraters Torelk Medell vom Waffentraining sowie nach Geburt des zweiten Sohnes Gerrent auch von der Thronfolge ausschließen. Durch das Bekanntwerden der Prophezeiung kommt es von Kindestagen an zu einem drastischen Mistrauen gegenüber Dayin und zu vermehrten Mordattentaten, die auf seinen Tod abzielen, damit er niemals der Mörder werden könne, den das gesamte Volk in ihm sieht. Sein Bruder Gerrent wird zur Thronfolge ausgebildet und von seinem Vater bevorzugt. Dayin muss in Folge auch sehr unter der Hetzerei und Tyrannei seines Bruders sowie dem Imstichlassen und Mistrauen seines Vaters leiden. Hätte er nicht seine Mutter und Großeltern, die ihn bedingungslos lieben und in ihm den gutherzigen und liebenswerten Jungen, der er ist, sehen, an seiner Seite, so würde er kaum das Erwachsenenalter erreichen.

„Wenn nur nicht der traurige Ausdruck in ihren Augen gewesen wäre, der sie so gewiss begleitete, wie Schatten dem Licht folgte.“ (Zitat über Dayins Mutter als Zeichen der fast einzig Verbündeten)

Als die Attentate auf sein Leben zunehmen, bekommt er in dem einzigen Gardisten Tarells, der nicht an die Prophezeiung glaubt, einen Leibwächter und Freund: Wendar Krenn. Aber ob ein Mann alleine genug ist, ihn vor den äußeren Angriffen einer ganzen Nation und dem Hass Tarells zu schützen und vor innerlichen Zerbrechen zu bewahren, wird sich im Verlauf der Geschichte zeigen. Wendar Krenn, der mit Leib, Leben und Seele für ihn einsteht ist auch mein Lieblingscharakter im gesamten ersten Teil. Nur eines vorab: Als Dayin über seine eigene negative Prophezeiung erfährt, beginnen die Dinge sich zu überschlagen. Eine Katastrophe folgt der nächsten und reißt sein ganzes vertrautes Umfeld, das sowieso nur aus nicht einmal einer Handvoll Menschen besteht, die keinen Mörder in ihm sehen, in den schieren Abgrund. Für Dayin beginnt eine düstere Zeit, die ihm jeden Lebensmut nimmt und jeder Lebensfreude versagt. Demütigungen, Anfeindungen und Zermürbung folgen Schlag auf Schlag für Dayins geschundene Seele. Der Tod scheint an ihm zu haften, auch wenn er sich selbst versucht, gegen die Prophezeiung zur Wehr zu setzen und seinen Vater als auch ganz Tarell verzweifelt davon überzeugen möchte, dass er ein guter Mensch ist.

Der Kronprinzessin von Lumaar, Lilell, hingegen wird zu ihrer Geburt vorhergesagt, dass sie eine gütige Königin wird, der von ihrem Volk nichts als Liebe und Dankbarkeit entgegen getragen werden würde. So gut sich diese Worte anhören, so schlimm werden sie durch ihren Vater für Lilell werden. Denn dieser versucht mit aller Macht einen gewaltvollen Weg zu finden, sich die Herrschaft beider Reiche anzueignen und Lilell dem hingehend zu formen. Dafür begegnet er ihr mit Härte und Eisernheit und ohne Liebe. Egal, was Lilell in ihrer Kindheit und Jugend auch tut, selbst, als sie eigens die Gabe einer Seherin zeigt, für ihren Vater ist sie nie gut genug. Und längst keines Thrones würdig. Dies lässt er sie stets spüren und sein Hass und Zorn gegenüber ihrem Geschlecht versucht sie über die Jahre zu zermürben. Nur durch ihre liebvolle Mutter, die ihr den Weg fernab vom Hofe in das Dorf der Seherinnen zur Schulung ihrer Fähigkeiten ermöglicht, kann sie ihre Herzlichkeit behalten, ohne an dem nicht vorhandenen Stolz ihres Vaters in Bezug auf ihre Person zu zerbrechen. Aber auch im Dorf der Seherinnen scheint sie über die Jahre keinen wirklichen Erfolg zu erleben und hätte sie dort nicht ihre treue Freundin Gwaina gefunden, die ihr trotz ihrer königlichen Position die beste Gefährtin wird, so wäre sie vielleicht der Einsamkeit und Schuldgefühlen des Versagens erlegen. Neben der loyalen, mutigen und klugen Gwaina, die selbst eine hervorragende Seherin wird, hat Lilell stets in ihrem Leibwächter eine Person, der sie in der schweren Zeit vollstes Vertrauen schenken kann. Generell scheinen die Leibwächter in dieser Geschichte eine wichtige und ehrliche Rolle einzunehmen und den Leib ihres Schützlings auch gegenüber dem jeweiligen König zu verteidigen. Eines Tages erfährt Lilell, dass ihr auch die Gabe einer Heilerin innewohnt. Sie hat die Fähigkeit, das Leben der Menschen von Verletzungen und Krankheiten zu heilen und es zu erhalten. Eine Gabe, die sie wirklich beherrscht und die sie von innen heraus mit größter Wärme und Selbstvertrauen erfüllt. Sie darf an den Hof Grentnor von Lumaar zurückkehren, doch ihr Vater sieht wieder nur eine Enttäuschung in ihr. Er zweifelt daran, ob es wirklich möglich ist, dass eine Person sowohl die Gabe des Sehens als auch des Heilens in sich haben kann und unterzieht sie einer harten Prüfung, die seine Verachtung ihr gegenüber unterstreicht.

  • Ob sie diese Prüfung bestehen wird und welchen grausamen der König Lumaars seiner Tochter entgegentritt, lohnt es sich durch Lesen des Buches selbst zu erfahren.
  • Ebenso gilt es auch die Frage zu beantworten, ob es zu einem brutalen Krieg der beiden Völker kommen wird oder sich König Kronots Wunsch zu einer friedvollen Einigung doch noch erreichen lässt.
  • Wird Prinz Dayin seinem Vater und der Welt beweisen können, dass er kein Mörder ist oder wird er selbst an den Folgen der dunklen Prophezeiung zugrunde gehen und welche weiteren Opfer wird diese fordern?
  • An welcher Stelle im Verlauf dieser Geschichte kommt es zu einer Verwebung der Lebenswege Dayins und Lilells und wird es ihr vielleicht sogar als Heilerin möglich sein, seine geschundene Seele zu heilen?
  • Oder ist es den Heilerinnen nur möglich, den Körper nicht aber das Ich zu erhalten?
  • Welche grausame Rolle wird Tarells Thronerbe Prinz Gerrent in dieser Geschichte noch einnehmen und wie passen die von allen so hoch geachteten Seherinnen in dieses Bild und was sind die Grenzen und Möglichkeiten ihrer Gabe?
  • Lest und erfahrt es selbst!!! Mehr werde ich zum Inhalt nicht verraten, ich kann euch nur empfehlen, beide Bücher selbst zu lesen. Wenn in Buch 1 das Heranwachsen und die Hintergründe der beiden (Lilell und Dayin) sowie die Wege der Königreiche veranschaulicht werden, so erwartet Euch in Buch 2 ein spannender Kampf auf Leben und Tod, Ehre und Verachtung, Mut und Angst, Selbstlosigkeit und Versagen, Hoffnung und Untergang. Mehr wird nicht gespoilert. Lest selbst!!!

Die liebe Susanne hat mit den Gwailor-Chroniken ein fantastisches Epos geschaffen und in solch einer Detailtreue gezeichnet, dass es einen packt und lange nicht mehr loslässt. Während ‚ Im Schatten der Prophezeiung‘ ein herausragender Auftakt eines einmaligen Leseabenteuers ist, so liefert ‚Schicksalspfade‘ einen mehr als würdigen Fortgang und Abschluss der Geschichte und führt Wege zusammen. In beiden Teilen wird mit einem gekonnten Perspektivenwechsel zwischen den Königreichen dem Leser ein breites Bild um Gwailor vermittelt und in ein mittelalterliches Gewand gewoben. Dies wird auch durch eine entsprechend zeitgemäße Begriffsverwendung mit Authentizität im Ganzen belohnt. Susanne hat eine sehr durchdachte Welt mit außergewöhnlicher, passender Namensgebung der Charaktere und Schauplätze (man kann es sich auf einer Karte gezeichnet genauso vorstellen) erschaffen und dabei Stil treu, geografisch und malerisch ausgereift und umfassend die Kulisse des Geschehens gestaltet. Sie verwendet stets farbenreiche und bildhafte Beschreibungen, die mit der jeweiligen Szenerie und Charakter-Stimmung im Einklang stehen.

„Sein Frösteln wurde heftiger, und sein Blick verlor sich in der Ferne, im düsteren, toten Grau des Horizonts, wo sich gewaltige Wolkenberge finster und bedrohlich wie die Grabsteine gefallener Riesen über die Wipfel der Bäume und die flachen Hügel schoben und die Welt in schattendunkles Zwielicht tauchten.“

„Tau glitzerte unter den Strahlen der aufgehenden Sonne an Büschen und auf Grashalmen, verwandelte Spinnennetze in filigrane Kunstwerke aus Kristall und Blumen in zerbrechliche Glasskulpturen.“

Abschließend lässt sich sagen, es ist ein überaus gelungenes Epos der Fantasy, das durch den Hauch von Mittelalter einen echten Touch und Greifbarkeit vermittelt. Die Charaktere sind tiefgründig und wirken absolut rund. Man kann sich in sie hineinversetzen und ihre Gedanken- und Handlungsgänge sehr gut mitfühlen. Beide Teile sind mittellang und lassen sich angenehm lesen. Man hat das Geschehen bildhaft stets vor Augen und denkt auch nach dem Lesen lange über das ‚Erlebte‘ nach. Meine einzigen Kritikpunkte sind, dass ich die persönliche Anrede der Königskinder an ihre Eltern zu der Zeit in der es spielt etwas befremdlich finde und mir die Cover-Bilder einen sehr harten und düsteren Eindruck vermitteln. Dieser wird, wenn man die Geschichte um Dayin kennt, wieder verständlich, da durch die Cover Düsterkeit, Schrecken und Schmerz vermittelt wird. Im ersten Teil mochte ich besonders, wie zwischen den beiden Königreichen perspektivisch hin und her gesprungen wurde. Dies wurde auch jeweils vor den Kapiteln entsprechend angekündigt, was mir sehr gefallen hat. Im zweiten Teil, ist das etwas anders gestaltet, was aber daran liegt, dass sich die beiden Lebenspfade der Hauptcharaktere kreuzen. Alles in allem finde ich, dass die Erzählung um die beiden viele Höhepunkte und Schicksalsschläge erlebt, die man mitfühlt. Dies macht die Geschichte so packend, dass man sie nicht aus der Hand legen kann. Auch vermittelt sie einem den guten Rat, stets selbst für seinen Lebensweg Verantwortung zu übernehmen und sich nicht vor(weg)bestimmen zu lassen. Es zeigt auch, dass die Mitmenschen sich nicht von vorgefertigten Meinungen, sondern einem persönliche Bild, leiten lassen sollen. Sie vermittelt Vertrauen in sich selbst, wie steinig der eigene Weg auch sein mag.

„Trotz der Prophezeiung war sie sich sicher, dass er ein warmherziger und liebenswerter Mensch war. Er kannte den Wert eines einzelnen Lebewesens und schätzte das Leben an sich, so wie sie es als Heilerin ebenfalls empfand.“

In Bezug auf die Geschichte bedeutet das, dass man die einzelnen Leben nicht durch eine Prophezeiung auf fatale Weise verzerren und in nicht immer positive Richtungen lenken lassen sollte, sondern stets für sich, seine Kinder und Mitmenschen respektvoll und ehrlich einstehen muss.

Liebe Susanne, vielen Dank für diese wundervolle Geschichte. Meine Leseempfehlung an alle die Fantasy-Geschichten mögen, die auch der Realität in manchen Zügen nicht fremd sind.

--Jil Aimée